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Erziehung - geht das bei einem ZO ?

natürlich geht das, sonst wäre ja jeder Umgang und jedes Zusammenleben mit diesem Hund völlig unmöglich. Nur funktioniert es anders als gewohnt. Die Erziehung eines Hirtenhundes ( speziell eines Herdenschutzhundes ) unterscheidet sich grundlegend von der Ausbildung wie sie ein Tier einer in Mitteleuropa üblichen Gebrauchshunderasse erhält. Durch die Zuchtauslese auf eine selbstständige Tätigkeit ohne Unterstützung oder Anleitung durch den Menschen haben alle Herdenschutzhunderassen ein sehr unabhängiges  Wesen entwickelt. Prompter Gehorsam wie man es von klassischen Gebrauchshunderassen her kennt, ist kaum zu erwarten. Dafür kann einen ein solcher Herdenschutzhund immer wieder durch sein eigenständiges und dabei überlegtes Handeln überraschen.

Prinzipiell wird zwar auch von einem Ovtcharka jedes Kommando befolgt, wegen seines auf eigenständiges Handeln ausgerichteten Wesens jedoch zuerst einmal sorgfältig überdacht und erst dann wird reagiert. Das geschieht nicht etwa aus Ungehorsam, sondern entspricht ganz einfach dem in langer Zuchtauswahl geschaffenen Naturell dieser Hunde. Wenn man diese Eigenschaft berücksichtigt, ist die Erziehung wirklich nicht besonders schwierig. Alle Hirtenhunde sind von äusserst rascher Auffassungsgabe, weitgehend zur Unterordnung bereit und innerhalb ihrer Familie besonders sanftmütig und somit fügsam. Im Gegensatz zu ihrem massiven und robusten Körperbau zeigen Zentralasiatische Ovtcharki sehr häufig ein geradezu mimosenhaft empfindliches Naturell. Wenn man sie ausschimpft oder gar körperlich züchtigt können diese Hunde mit Gekränktsein und sogar ausgeprägter Trauer reagieren. Durch diese Sensibilität sind Gewaltmaßnahmen bei der Abrichtung nicht notwendig, meiner Erfahrung nach sogar fehl am Platz. Wer seinen Zentralasiaten mit Gewalt und Härte erziehen will, wird je nach der jeweiligen Situation zuerst passiven bis später hin zu aktivem Widerstand ernten. Wenn man aber schon bei seinem jungen Hund die Rollenverteilung eindeutig festgelegt hat, wird man das restliche Hundeleben ohne weitere Auseinandersetzungen oder besonderen Druck auf seinen Hund ausüben zu müssen, überstehen.

Immer wieder verblüfft es jeden Hundekenner, wenn auf Ausstellungen erwachsene Rüden von Frauen vorgeführt werden, wobei die Besitzerinnen sicher weniger Gewicht auf die Waage bringen wie das ihre Hunde tun. Nur durch eine liebevolle, aber auch konsequente Erziehung wird dieses harmonische Verhältnis, diese perfekte Unterordnung ermöglicht. Auf zu grossen Druck reagieren die Zentralasiatischen Ovtcharki mit passivem Widerstand, sie ziehen sich zurück und verweigern jede Zusammenarbeit. Wer auf diese Resistenz mit Unverstand und roher Gewalt reagiert kann im schlimmsten Fall einen Angriff durch den eigenen Hund provozieren. Die leider oft praktizierte, klassische Art der Hundebestrafung durch Schläge oder andere Methoden Schmerz zuzufügen ist für jeden Hund weitgehend unverständlich und somit gerade für einen Junghund eine nicht einsehbare Grausamkeit. Schmerzen als Mittel zur Erziehung haben, abgesehen von den tierquälerischen Eigenschaften, den Nachteil sehr schnell unwirksam zu werden. Hirtenhunde sind von Natur aus sehr schmerzunempfindlich und stumpfen noch dazu sehr schnell ab. Dadurch eskaliert die Situation sehr schnell und die Erziehungsmethoden werden immer brutaler. Jedoch ab einem gewissen Grad der Grausamkeit wenden sich die Hunde gegen ihren eigenen Besitzer und Möchtegernerzieher. Das ist eine völlig natürliche Reaktion.

Einem  jedem Lebewesen ist das Recht auf Verteidigung seines Lebens zu eigen und jede gequälte Kreatur wird sich wehren, wenn eine gewisse Schwelle überschritten wird.

Die traurigen und grausamen Vorfälle mit Hunden, die ihre eigenen Besitzer anfallen und zum Teil schwer verletzen, ja sogar töten, sind der Beweis dafür. Welche Ungeheuerlichkeiten mussten diesen Tieren zugefügt werden um diese Schwelle zu überschreiten, um aus einem harmlosen und ahnungslosen Welpen einen bösartigen, menschenmordenden Killer zu machen.

Absolut völlig unmöglich ist es auch, seinen Zentralasiaten von einem professionellen Hundetrainer ausbilden zu lassen. Durch die enge und ausschliessliche Bindung an seine Familie und seine reservierte bis ablehnende Haltung gegenüber Fremden kann diese, zum Beispiel bei Jagdhunden durchaus übliche Form der Erziehung, bei dem Charakter unserer Herdenschutzhunden nur in einer Katastrophe enden. Entweder wird der Trainer am passiven Widerstand des Hundes scheitern, dann hat er Glück gehabt. Oder er wird die aktive Abwehr eines Zentralasiatischen Ovtcharka am eigenen Leib erfahren, dann hat er eben Pech gehabt. Und wenn dieser Trainer durch sein Einfühlungsvermögen und glückliche Umstände das Vertrauen des Hundes gewinnen kann und er den Zentralasiatischen Ovtcharka auf sich prägen kann, dann wird der eigentliche Besitzer mit seinem Hund nichts mehr anfangen können, für ihn ist dieser Hund verloren. Aus diesen einleuchtenden Gründen ist somit das Abführen des Hundes durch professionelle Trainer einfach nicht möglich.

Aus genau diesen Gründen verbietet sich auch jede Form der Parforceerziehung. Es ist aber wirklich sinnvoll und erfolgversprechend, gemeinsam mit anderen, bereits routinierten Zentralasiaten-(Herdenschutzhund)besitzern zu üben und dadurch von deren Erfahrungen zu profitieren. Letztendlich trägt aber jeder Hundebesitzer ganz alleine die Verantwortung für die Erziehung und Ausbildung seines Hundes. Das soll aber nicht als anstrengende oder mühselige Pflicht verstanden werden, sondern als gemeinsames Erleben einer lebenslänglichen Mensch-Hund-Beziehung welche sowohl dem Hund als auch seinem Besitzer Freude bereitet.

Bereits mit dem Einsteigen in das Auto beim Züchter beginnt die Arbeit der Erziehung. Man muss dem kleinen Welpen klarmachen, dass die Sitzbezüge des Autos kein Kauspielzeug sind. Wenn sich der Welpe an diversen Einrichtungen, Kleidungsstücken oder Fingern vergreift, muss man ihm sofort und unmissverständlich  klar machen, dass das verboten ist. Ein energisches Hörzeichen und eventuell ein kleiner Knuff genügen. Das Hörzeichen sollte immer das selbe sein, wobei es egal ist, welches Wort man wählt. Üblich ist “Pfui“ oder “Nein“, wobei das “Pfui“ phonetisch besser auf den Hund wirkt. Die körperlichen Hinweise sollen erst zum Einsatz gelangen, wenn der Hund sich durch das “Pfui“ nicht beeinflussen lässt. Auf keinen Fall soll, ja darf dem Welpen Schmerz zugefügt werden, es darf die Erziehungsmaßnahme aber auch nicht als Spielaufforderung missverstanden werden. Solange der Hund noch klein genug ist, hat es sich bewährt ihn einfach umzustossen und in dabei in eine Seiten- oder gar Rückenlage zu rollen. Da ein zehn Wochen alter Zentralasiat aber schon etwa so gross wie ein ausgewachsener Beagle ist, bedarf diese Erziehungsmaßnahme schon einiger Kraft. Auch ein kurzer, aber energischer Zug an der losen Nackenhaut, gerade so fest, dass er mit den Vorderpfoten den Bodenkontakt verliert ist wirkungsvoll, und kann auch von einem körperlich nicht so kräftigen Menschen zielführend angewandt werden. Diese Massnahmen werden nämlich in ganz ähnlicher Form von der Hundemutter angewandt und sind somit für den Welpen klar verständlich, sollten aber nur in eindeutig notwendigen Situationen angewandt werden. Ein Klaps oder Schubs ist oft gut geeignet die Aufmerksamkeit des Hundes erwecken, das Klatschen mit der flachen Hand auf die Schulter oder Kruppe oder ein Schubs mit dem Knie wirken besser als lautes Schreien oder Grobheiten. Auch beim Einsatz der Stimme ist immer zu bedenken, dass Hunde um ein Mehrfaches besser hören können als wir Menschen. Der leider auf manchen Abrichteplätzen übliche Kasernenhofton ist somit völlig unnötig und dient nur der Befriedigung des menschlichen Geltungsbedürfnisses. Die normale Stimmlage ist für Hunde genau passen und der richtige Kommandoton, und in Krisensituationen kann die Lautstärke immer noch gesteigert werden. Wer immer nur aus vollem Halse schreit hat sich dieser Steigerungsmöglichkeit selber beraubt. Deshalb vermeiden wir tunlichst aggressive Bestrafung und phonetische Gewaltakte und versuchen vielmehr durch positive Motivation zu erreichen was wir wollen.

Das Hundebaby will sich sein Halsband nicht anlegen lassen? Nach einigen Minuten Ablenkung und Spielen kann man dem Hundebaby ganz sicher das Halsband überstreifen. Nicht das Tragen, das Anlegen ist dem jungen Hund fremd und somit unangenehm. Wenn man unmittelbar nach dem Anlegen des Halsbandes etwas für den Hund besonders Interessantes unternimmt, zum Beispiel einen kleinen Spaziergang zu einer favorisierten Stelle, wird er sehr schnell lernen, dass das Halsband und die Leine mit positiven Eigenschaften behaftet sind. Wenn Halsband und Abenteuer für den Hund gleichbedeutend sind, wird er freudig zulassen, das es umgebunden wird.

Ganz genau das Gleiche gilt für den Beißkorb. Wenn man den Beißkorb nur für wenige Augenblicke spielerisch überstülpt und gleich wieder abnimmt, lernt der Hund die Harmlosigkeit dieses Gegenstandes kennen und wird bald dem Anlegen des Beißkorbes keinen Widerstand leisten. Die Gewöhnung an den Beißkorb ist in vielen Lebenslagen eine grosse Hilfe. So transportieren Öffentliche Verkehrsmittel Hunde in der Regel nur mit Beißkorb und auch in grossem Gedränge wie etwa in Einkaufszentren ist das Tragen des Beißkorbes unter Umständen auch angebracht. Bei allen Hundeausstellungen werden raufende und beissende Hunde gemäss der gültigen Ausstellungsordnung ohne jede weitere Bewertung ausgeschlossen, das Nenngeld und der ganze Aufwand der Vorbereitungen sind somit völlig sinnlos vergeudet.

Der noch nicht leinenführige Hund zerrt an der Leine? Nach einem energischen Ruck muss man den kleinen Hund wenn er sich ganz erschüttert und verdattert einem zuwendet überschwenglich loben. Wenn es dabei auch noch gelungen ist ihn an die linke Seite “Bei Fuss“ zu manövrieren, muss man als Hundeführer vor Freude und Begeisterung ganz aus dem Häuschen sein. Lob und Begeisterung kann man nie zuviel aufbringen, und schon bald wird der Junghund begriffen haben, dass “Fuss“ ohne Leinenruck viel schöner ist.

Er will lieber spielen als herkommen? Eine lange dünne Schnur hilft zuverlässig. Nach dem Rufen des Hundes muss man nur ein wenig fester an der für ihn sonst eigentlich nicht bemerkbaren Leine ziehen um seine Aufmerksamkeit zu erregen, und schon kommt er brav herangetrottet. Die Begeisterung des Besitzers und am Anfang auch beliebte Leckereien versüssen den Gehorsam zusätzlich und nach einiger Zeit wird man auf die Leckereien und dann auf die Leinenhilfe verzichten können. Wenn der Hund auf einen zukommt, dann aber zu trödeln beginnt, beginnt man selber langsam rückwärts weg vom Hund zu gehen. Diese Situationsänderung verunsichert den Hund so, dass er mächtig an Geschwindigkeit gewinnt und wenn man das Zurückgehen richtig bemisst, wird er schön knapp direkt vor einem zu sitzen kommen. Das wird wahrscheinlich nicht sofort so tadellos klappen, aber Übung macht den Meister. Aber nicht nur der Hund muss ständig üben, auch sein Besitzer muss versuchen, sich ständig weiterzuentwickeln, dazuzulernen.

Während all dieser Übungen sollte man immer wieder Pausen einlegen, je jünger der Hund ist, um so grosszügiger müssen die Pausen bemessen sein. Ganz junge Welpen sind schon nach einigen wenigen Minuten überfordert, selbst erwachsene Hunde sind kaum länger als zwanzig Minuten bei der Sache. Dabei ist die eigenen Konzentrationsfähigkeit auch zu berücksichtigen. Das Abführen eines körperlich starken und vom Charakter her anspruchsvollen Hundes ist körperlicher und vor Allem geistiger Hochleistungssport für den engagierten Hundeführer.

Dazu ist unter Anderem die Wahl der richtigen Bekleidung zu beachten. Festes Schuhwerk und strapazfähige, bequeme Kleidung empfehlen sich von selbst. Nur wenn der Hundebesitzer selber in guter Verfassung ist, kann er die notwendige Konzentration für eine sinnvolle Arbeit mit dem Hund aufbringen. In allererster Linie ist die psychische Verfassung das Ausschlaggebende. Wenn man sich seelisch im Gleichgewicht befindet, ruhig und konzentriert mit dem Tier umgeht wird der Erfolg sich wie von selber einstellen. Man soll sich aber ja nicht durch eventuelle Unpässlichkeiten vom Training mit dem Hund abhalten lassen. Wenn man sich selber nicht besonders gut fühlt, wenn der Hund einen unruhigen Tag hat, sollte man leichte, bereits gut beherrschte Übungen ohne Leistungsdruck wiederholen. Und wenn man sich ganz einfach zu ganz und gar nichts durchringen kann, dann soll man seinen Hund ganz einfach an die Leine nehmen, mit ihm hinaus in die Natur gehen und bei diesem gemeinsamen Erleben die Sorgen und Probleme hinter sich lassen. So können sich Herr und Hund trotz der nicht so optimalen Situation etwas Gemeinsames unternehmen und ein für beide erfreuliches Erfolgserlebnis verschaffen. Auf diese Weise ist es vielleicht möglich, die Beschäftigung mit dem Hund an einem sonst verlorenen Tag zu einem schönen, befriedigenden Ereignis werden zu lassen. Nur wer es selber erlebt hat, kann verstehen, wie man aus dieser miteinander verbrachten Zeit Kraft und Freude schöpfen kann. Egal wie abgespannt oder deprimiert man ist, ein Spaziergang mit seinem Hund kann den traurigsten Tag verschönen.